Eine Lanze für unsere Jungs

 

Ende Juni ist Abi – Abschluss – Zeit in Bayern. Dieses Jahr wurden am 22. Juni an den bayerischen Gymnasien die Abiturnoten verkündet, worauf sich in nicht wenigen Kleinstädten spontane Autokorsos mit feiernden Jugendlichen bildeten. Ganz zum Unverständnis von fußballkundigen Mitbürger*innen, die diesen Jubel nicht einzuordnen vermochten. Am 29. Juni war dann der große Tag der Freisprechung mit den entsprechenden Feierlichkeiten. In Folge dieses Wochenendes veröffentlicht in der Regel die Lokalzeitung die Bilder der besten Abiturient*innen der jeweiligen Schule. Ja, eine Zeugnisübergabe ist ein großer gesellschaftlicher Event. Drei Wochen später sind die Realschüler mit dem gleichen Procedere dran: Zeugnisnotenverkündung – Trinkgelage (kein Autokorso, weil Realschüler in der Regel 16 Jahre alt sind) Zeugnisübergabe mit Abendveranstaltung – Zeitungsfotos. Bei den Mittelschülern gibt es einen vergleichbaren Ablauf in dieser Art bestimmt auch. Auch diese Fotos in der Lokalpresse werden wir dann nach bekannten Gesichtern durchsuchen.

Ja, diese Fotos. Schön und glücklich sind sie, unsere Kids. Doch Moment mal.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass auf diesen Fotos meist Mädchen zu sehen sind? Dieses Jahr lag das Verhältnis von den drei besten männlichen und weiblichen Abiturienten der Gymnasien im Landkreis Landsberg bei 6:12!

Was passiert da in unseren Schulen mit den Jungs? In einer Studie des Erziehungswissenschaftlers Peter Struck wurden folgende Zahlen für Deutschland ermittelt:

58% aller Abiturient*innen sind Mädchen,

67% in Mittelschulklassen sind Jungen,

2/3 d. Sitzenbleiber sind Jungen,

Schüler*innen, die es nicht zum Hauptschulabschluss schaffen: 72% Jungen,

Jungen sind vier Mal häufiger verhaltensauffällig.

Das sind Zahlen, bei denen sich leider die Eltern von Jungen bestätigt fühlen, besonders, wenn der Sohn sich nicht leicht tut mit dem Lernen, wenn er „Disziplinschwierigkeiten“ hat oder einfach nur einen etwas größeren Bewegungsdrang hat als andere.

Die vorgenannten Zahlen zeigen, dass Eltern von Buben weitaus häufiger sich Sorgen und Anstrengungen machen müssen, ob und dass ihr Zögling gut durch die Schule kommt, als die von Mädchen.

Was macht es unseren Jungen so schwer, in unserem Schulsystem in der Masse erfolgreich zu sein? Ist es die Art, wie in unseren Schulen gelehrt und gelernt wird?

Unser Regel-Schulsystem ist lehrerzentriert und in der Hauptsache auf Zuhören, Lesen und Schreiben ausgelegt.

Erziehungswissenschaftler haben festgestellt, dass durch das reine Zuhören nur 10% der Jungen und zumindest 40% der Mädchen optimal lernen. Die meisten Buben lernen durch die Fehler ihres Handelns. D.h. im Umkehrschluss, dass 60% der Mädchen und 90% der Jungen am besten durch Ausprobieren lernen. Deshalb ist es fatal, wenn wir kleine Kinder fürs Fehlermachen bestrafen, weil wir ihnen schlechte Noten geben. Und: wir benachteiligen dadurch gezielt die Jungen.

Schlechte Noten vor allem im Grundschulalter, das kratzt am Selbstwertgefühl der Kinder. Dazu kommt: Bei gleicher Intelligenz lernt ein Kind mit hohem Selbstwertgefühl doppelt so viel. Ein Teufelskreis setzt hier schon in der Grundschule ein. Kein Wunder, dass dann am Ende der Schullaufbahn eher die Mädchen im Rampenlicht stehen.

Diese lernpsychologischen Erkenntnisse, dass Jungen anders lernen als Mädchen, wird bisher viel zu wenig beachtet. Man wundert sich nur, dass seit Jahren die Mädchen im Durchschnitt in der Schule immer besser werden und Jungen immer schlechter. Peter Struck, ein renommierter Erziehungswissenschaftler, meint dazu: „Am leichtesten lernten Mädchen wie Jungen durch Handeln oder Ausprobieren, durch Fehler oder einfach so nebenbei. Doch dafür gibt es im Schulalltag nur wenige Gelegenheiten. Erst wenn wir uns freuen, wenn Jungen Fehler machen, geben wir ihnen die Chance, etwas zu lernen“.

Dazu brauchen wir ein anderes, neues Schulsystem.

Wir Eltern von Jungs wissen das schon lange.

 

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